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Vinyl Galore & Plattenspieler

Sebastian Witte – Der hohle Mond

Eigene kleine Welt. Ich weiß nicht, ob es an Sprachbarrieren, der Konditionierung auf englischsprachige Popmusik oder einfach an der deutschen Sprache selbst liegt, aber irgendeinen Grund muss es haben, dass deutsche Songtexte oft irgendwie falsch oder übermäßig pathetisch klingen, zumindest dann, wenn sie tiefgängiger sein sollen als der ganze Tim Bendzko-Schmarrn im Radio.

Man sollte aber meinen, das Volk der Dichter und Denker habe es auch mit gesungener Lyrik. Aber irgendwie ist es immer seltsam, wenn einem da jemand leise und ganz close seine Lieder vorsingt. Und nein, Philip Poisel ist da kein Bewertungsmaßstab, denn bei dem klingt immer alles mies und schief.

Eine ähnliche Wirkung (die seltsame Wirkung, nicht die Philip-Poisel-nervt-mich-zu-Tode-Wirkung) hat auch Der hohle Mond von Sebastian Witte, der den Bass bei Videoclub erstmal zur Seite legte, jetzt Solo unterwegs ist und deutschsprachige Irgendwie-mit-Gitarren-Musik unter’s Volk. Was der Münsteraner hier nämlich von sich meist auf leiser Gitarre mit ein bisschen klanglichem Deko zu hören gibt, ist eben einerseits ganz close und fein, andererseits auch wirklich sehr schön geschmiedete gesungene Lyrik, die sich schon nach dem ersten Mal irgendwie sehr hartnäckig im Kopf einnistet.

In sechs nicht unbedingt durch ihre progressive Länge auffallenden Stücken erzählt Witte vor allem von Schicksal und (vermutlich postmoderner) Isolation: „Der hohle Mond / steht vor deinem Fensterglas / aufdringlich und hell / scheint er in dein Zimmer rein / du bist ein Wolf / du bist ein wildes Tier / Chatroom ist schon leer / nur der Mond ist noch bei dir“. Textlich hat das ganze wirklich mehr von vorgetragenem Gedicht denn von wie auch immer geartetem deutschen Singer-Songwriter-Einheitsbrei. Die Abgrenzung wird auch durch die klangliche Gestaltung gestützt: Musikalisch sehr minimalistisch und leise kommen diese sechs kurzen Stücke daher, aber sehr liebevoll in Szene gesetzt und gekonnt arrangiert hat das wenig von luftigem Gitarrenpop deutscher Sprache. Würde Matt Elliott seine Gitarre zurückdrehen, anders und vor allem deutsch singen und generell weniger Pathos in seine Produktionen legen, würde er vielleicht wie Sebastian Witte klingen. Und vor allem nicht mehr wie Matt Elliott. Vergessen wir diesen Vergleich also lieber wieder. Stimmungstechnisch wildern die beiden Herren trotz großer Unterschiede aber doch in ähnlichen Gefilden: Irgendwas mit traurig und einsam und halt garnicht so gesprächig und ausufernd wortspielerisch wie manch andere Kollegen, sondern traurig, sehr direkt und, erneut, ganz close.

Es bleibt aber einfach das Problem, zumindest für mich, dass die Platte eben eine deutschsprachige Platte ist. Ich bin (als Germanist) der letzte, der’s mit der Verenglischung im Alltag hat, aber: Ich glaube, auf englisch hätte das ganze besser geklungen. Irgendwie irritiert der deutsche Text beim hören erstmal. Vielleicht geht’s aber nur mir so. Denn musikalisch und textlich kann der Herr Witte was, das steht ausser Frage. Die triste, isolierte, intime Stimmung des Albums ist (mit Ausnahme eines eher fast flotten Remixes) gekonnt in Szene gesetzt, die Arrangements unterstützen wie gesagt minimalistisch und gekonnt die Düsternis. Eine kleine eigene Klangwelt, in die Sebastian Witte den Hörer entführen will – was auch gut gelingt.

Im pessimistischen Geist des Albums steht auch eine sehr schöne selbstrefenzielle Zeile in Weg und Ziel: „Ich bin das next big thing / drinks for free und catering / ich bin ein fremdes Bett / Presse schreibt: Klingt ganz okay / interessant…“ Vermutlich unter- und übertreibt der Münsteraner es hier insgesamt ein wenig, je nach Blickpunkt. „Klingt ganz okay“ ist vermutlich die Untertreibung – aber ob Sebastian Witte „das next big thing“ ist, bleibt abzuwarten. Das Potenzial, weit zu kommen, hat er auf jeden Fall. Und das sogar trotz nerviger deutscher Texte. (Das war ironisch.) Wobei eh nicht viel nerviger sein kann als Philip Poisel. (Das war nicht ironisch.)



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