Skip to main content

Vinyl Galore & Plattenspieler

Candelilla – Heart Mutter

„Wenn ihr es Oberfläche nennt, dann nenn ich das Wahrheit“ –  Mira Mann, Candelilla

Erste Review, dann direkt diesen Brecher: Danke, liebe Kollegen der Endredaktion.

Wir merken es: Frauen schreien und wüten, sind auf Kriegsfuß mit der Gegenwart (Männer auch, die haben nur bisher keinen wirklichen Grund, wütend zu sein, sie sind es aus Prinzip) und machen Randale. Erster Kontakt zu diesem Phänomen: ZUCKER. Was bei Frau Schulten und Frau Schalko wirkt wie Eislaufen auf sehr dünnem Eis (sie können einfach nicht musizieren) ist bei Candelilla zur Contentkoralle gewachsen.

Alle Bandmitglieder haben bereits eine Ausbildung abgeschlossen, sind im weitesten Sinne als Akademikerinnen zu verstehen und kommen, gott seis gedankt, aus dem Süden, namentlich München. Aus der Bürgerbräukeller-Metropole kam zuletzt Wenig bis Ödnis, was Popkultur angeht, die Achse Berlin-Hamburg ist schwer zu durchbrechen. Candelilla gehen den Mittelweg, ihr Label immerhin vetreibt aus Hamburg.

Wenn man einen Blick auf die vier Biographien der Band wirft, wird schnell klar, das hier nicht vier hippe Trittbrettfahrerinnen in der post-Tocotronic-BRD aufschlagen, um Parolen zu blasen, sondern Content und Ästhetik zusammengefunden haben. Klar, sie schreien, sie wollen, sie müssen laut sein. Je mehr man jedoch hinter die Kulissen dieses Arbeitskreises blickt, desto mehr wird die Substanz deutlich. In einem Text von 2009 sagt Mira Mann, deutlich ihren Finger in die Wunde Gegenwart legend:

„Ich setze alle meine Hoffnungen in die Aufklärung, nur diese kann uns von Dummheit befreien und die Probleme der Menschheit lösen. Als ebenfalls attraktive Alternative denkbar und vielleicht auch leichter durchführbar, ist der verschwenderische Umgang mit Dummheit, da dieser ebenfalls zu einem Idealzustand der menschlichen Spezies führen kann: Zur Auslöschung.“

Danke Frau Mann. Während die übergroße Mehrheit den Weg zum Mann´schen Idealzustand bereits geht, rufen Candelilla zur Vernunft auf. Frauenstimmen können eh besser klarmachen, was falsch läuft. Produziert von Steve Albini (Pixies, Nirvana) bietet Heart Mutter konkretes Neunziger-Gefühl mit Bezug zum Jetzt. Gleichzeitig lässt man Patti Smith anklingen, Sonic Youth sind auf der Party eingeladen, klar. Der Gesang ist perfekt, die Komposition sitzt. Kein Wunder, hier wurde gutes Geld in die Produktion gesteckt.

Wichtiger noch als die Musik erscheint beinahe die Gesamtkonzeption [Band] , „die nicht mehr sein muss als gebündelte Energie auf einer Bühne“.

Aus den Biographien ergibt sich das Bild eines kampfbereiten Kollektivs, das der Gegenwart etwas entgegenstellen will, was beim Gang ins Virtuelle verloren gegangen ist: Authentizität. Ob diese im beackerten Genre zu finden ist, sei dahingestellt, Konzeption und Bandzusammenstellung jedenfalls lassen Großes erwarten. Endlich eine Band, der man ihre Wut abkauft. Endlich das Gefühl, Menschen gegenüber zu stehen, denen die Gegenwart schon lange zum Hals raushängt, nicht erst, seitdem es zum guten Ton gehört.

Candelilla bestätigen, was schon seit Ja, Panik auffällt: Im Süden passiert mehr. Die Nerven im Schwabenland, Candelilla in München, Kreisky in Wien. Vielleicht ist 2013 nicht das Jahr, in dem der Punk ausbricht, aber zumindest jenes, in dem die Achse Berlin-Hamburg endgültig ihre Deutungshoheit über deutsche Gegenwartsmusik verloren hat.

Und, liebe ZUCKER-Mädchen: Ein Stück Zucker pusht nur sehr kurz. So richtig Satt macht aber nur handfester Kram, Haxn beispielsweise.



Ähnliche Beiträge

Candelilla – Camping

Candelilla

Da ist es nun also: Camping. Das neue Album von Candelilla wurde erwartet und herbeigesehnt, das letzte ist immerhin schon 4 Jahre alt. Schnell fallen zwei wichtige Aspekte schon nach Sekundenschnelle auf: Die Songs sind inzwischen nicht mehr mit Zahlen betitelt, der Sound der Platte ist, vor allem im Vergleich zum Vorgänger, um einiges ausgefeilter. […]

This Patch of Sky – Heroes and Ghosts

Beruhigende, harmonische Keyboard-Klänge, dann ein Brachial-Gitarren-Sound, der dich gegen die Wand drückt: das passiert in den ersten zwei Minuten des Openers „And death shall have no dominion“ auf dem Album von THIS PATCH OF SKY. Das ist schon mal ein interessanter Einstieg auf dem Debut-Album (nach zwei vielbeachteten EPs) der Oregoner Postrock-Band. Der Nachfolger „Ten […]

There Will Be Fireworks – The Dark, Dark Bright

Unter Brücken, in Spelunken, an Hintereingängen und in vergessenen Parks. Hier treibt Nicholas McManus sich herum, auf der Suche nach feucht-kalter Poesie in den Schatten Glasgows: „The Dark, Dark Bright“. Vier Jahre sind vergangen, seit There Will Be Fireworks in Eigenregie ihr Debut veröffentlichten und die Messlatte für nachfolgende Alben mit epischem Songwriting und weitgreifenden, […]



Keine Kommentare vorhanden


Kommentar verfassen