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BERICHT: Tera Melos, Whores Of Babylon / Hafenklang Hamburg, 22.2.2014

Ein wenig überraschend ist es schon, dass den Besuchern beim Betreten des Hafenklangs am 22.2. kein Simpsons-Intro entgegen schallt. Tera Melos aus Kalifornien machen schließlich keinen Hehl aus ihrem Faible für die Serie oder ähnlich schräge Cartoons, wie ein Besuch beim Merchstand bestätigt. Micky Mouse trifft blutige Kettensäge trifft nach Rache dürstendes Hot Dog. Oh, und flauschige Plattencover gibt es auch. Eben alles, was das Nerd-Herz begehrt.

Nerds sind heute Abend genauso Jutebeutel schwingende Teens wie verstohlen am Bier nippende Damen. Nerds sind heute Menschen mit einer Vorliebe für eine von Noise zersägte Art Garfunkelstimme, für Math-Arrythmie im Surf Pop-Gewand oder eben für zweihändiges Gitarren-Tapping, wie man es eigentlich nur Cartoon-Figuren zugetraut hätte. Nerds sind heute Abend Tera Melos Fans.

Etwa 70 von ihnen haben sich bereits ungewohnt zielstrebig vor der Bühne versammelt, als gegen halb zehn die Support-Band Whores Of Babylon aus Bremen zu den Instrumenten greift.

Pathos steht drauf, Pathos steckt drin, jedoch in subtilerer Form als erwartet: Das Trio lässt sich nicht lange bitten und hüllt das Publikum unter der überdimensionierten Abriss-Diskokugel in filigranen, dabei aber nicht zu ausufernden Intrumental-Progressive der härteren Gangart, der vor allem über konstante Tempiwechsel funktioniert. Schönster Moment: Als Schlagzeuger Kai Gloyer Jonas Ewald, der sich nach dem letzten Song bereits anschickt, sich seiner Gitarre zu entledigen, einen Drumstick in die Rippen bohrt und ihn und Bassist Markus Lorenz zu einem weiteren Zehn-Sekunden-Trip in Noise-Gefilde anstachelt.

Kurzer Umbau, noch kürzerer Soundcheck, einmal kurz geblinzelt und die Bühne ächzt unter dreifach so vielen Effekten wie zuvor, inklusive Loop-Station. Auch Tera Melos sind überraschenderweise anscheinend keine Fans großer Umschweife und legen direkt los. Was jetzt mit dem Publikum passiert, spiegelt exemplarisch die unglaubliche Ambivalenz Tera Melos‘ Musik wider: In den ersten Reihen wird ekstatisch getanzt, zu welchem Rhythmus (ein sehr launischer Gast während des gesamten Sets) ist nicht ganz klar. Andere verfolgen das Treiben auf der Bühne mit glasigen Augen und grenzdebilem Grinsen, die Reaktion wiederum anderer beschränkt sich auf gelegentliches ratloses Kratzen am Kopf. Manche tun einfach alles zur gleichen Zeit.

Tera Melos scheinen kaum Notiz vom Geschehen vor der Bühne zu nehmen. Nick Reinhart, Nathan Latona und John Clardy tauchen ab in ihren Kosmos aus Virtuosität und Wahn. Eine Setlist lässt sich kaum rekonstruieren, mit gefühlt jedem viertem Tap auf’s Effektpedal wechseln die drei spielerisch von einem Song in den nächsten. Gerade in neueren Stücken der LP X’ed Out, die im April letzten Jahres erschien, klingen eingängigere Passagen vor allem Dank Reinharts Falsett-Gesang, als hätten die Beachboys eine wunderbar ätzend-zuckrige Form des Shoegaze für sich entdeckt. Zwei Takte weiter überfährt dem Klang nach ein Rasenmäher den Konservenvorrat einer Großfamilie, und das mehrfach. Dann endlich: Das Simpsons Intro, getapt natürlich.

Reinharts einziger Kommentar zu dem ganzen bleibt ein kurzer Einwurf vor der Zugabe (vor der niemand die Bühne verlässt): „Entschuldigt bitte, ich muss kurz ein bisschen umbauen. So fühlt es sich an, an würde Godzilla unter der Bühne auf mich lauern.“ Diese Aussage gibt den Abend wahrscheinlich um einiges treffender wieder, als mein vorangegangener Versuch, das gestrige Konzert zu beschreiben. Mir bleibt nur zu sagen: Ich habe getanzt, ich habe grenzdebil gegrinst, ich habe mich am Kopf gekratzt. Und ich habe mir ein Shirt mit einem nach Rache dürstenden Hotdog gekauft.



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